Bildanalysemethoden nach Krenz und Wopfner

Armin Krenz nimmt an, dass Kinder, wenn sie malen und zeichnen, in eine Fantasiewelt entfliehen. Sie können sich dabei entspannen, aber teilen mit ihren Bildern auch etwas mit: „Bilder und Zeichnungen von Kindern sind unverwechselbare Zeugnisse ihres Befindens, ihrer seelischen Verfassung und ihrer Gedankenwelt.” (Krenz 2010, S. 9) Sie geben durch die Zeichnungen ein Signal an ihr soziales Umfeld. „Die Seele der Kinder sucht gewissermaßen das Heil dadurch, dass sie einen inneren Druck nach außen bringt – beim Malen und Zeichnen auf vorhandenes Papier.“ (Krenz 2010, S.19)

Selbst ein scheinbar unbedeutendes Gekritzel kann nach Krenz einen Sinn haben. Krenz beschreibt 20 Grapheme (kleinste grafische Einheiten, die eine Bedeutung mit hervorbringen, aber nicht für sich allein bedeutungstragend sind), die laut seiner Recherchen und Analysen bei Kindern auf der ganzen Welt beobachtbar sein sollen. Auch Neigungswinkel, Schraffuren, die Auswahl bestimmter Farben, bestimmte Größenverhältnisse, Ausrichtungen von Lebewesen und Bewegungen dienen Krenz als Interpretationsmuster. Zu beachten ist, dass Krenz Interpretationsschemata, mit denen er arbeitet, im Kontext von Therapien mit Kindern entwickelt hat.

Gabriele Wopfner legt nicht wie Krenz ein bereits entwickeltes und ausgearbeitetes Kriterienraster an Kinderzeichnungen an, sondern betrachtet Kinderzeichnungen als kulturellen Ausdruck, der durch handlungsleitende Orientierungen hervorgebracht wird, die sich über die Art und Weise, wie gezeichnet und gemalt wird, rekonstruieren lassen. Sie arbeit für die Rekonstruktion handlungsleitender Orientierung mit der Dokumentarischen Methode nach Bohnsack.

Für die formulierende Interpretation wird dafür zunächst auf der vorikonografischen Ebene detailliert beschrieben, was auf dem Bild zu sehen ist. Die detaillierte Beschreibung all dessen, was auf einer Zeichnung zu sehen ist, ist bei Zeichnungen von Kindern in der Regel sehr herausfordernd, da nicht nur klare Linien, Formen und Farben, sondern auch Fantasiegestalten und -figuren verschriftlicht werden müssen. “Damit stellt dieser Arbeitsschritt hohe Anforderungen an die Beschreibungssprache, die immer wieder offen für Variationen […] sein muss, um zu vermeiden, die Zeichnungselemente aus der Erwachsenenperspektive zu deuten. Als Ausweg bietet sich in dieser Situation an, bei der Beschreibung mehrere Möglichkeiten des Vergleichs anzuführen. So kann im Rahmen der formulierenden Interpretation z.B. ein Viereck in einer Kinderzeichnung u.a. mit einer Kiste, einer Sandkiste, Sandburg oder gar mit einem Sprung- oder Schwimmbecken in Verbindung gebracht werden…” (Wopfner 2012, S. 6)

Die genaue Beschreibung ist herausfordernd, aber entscheidend für die weitere Interpretation des Bildes: “Gleiche Abstände, wiederkehrende oder entgegengesetzte Linienführungen, markante Detaillierungs- oder Farbunterschiede geben meist erste Hinweise auf die formalen Konstruktionselemente, denen in der reflektierenden Interpretation nachgegangen wird.“ (Ebd.)

Bevor auf der Ebene der reflektierenden Interpretation weiter gearbeitet wird, wird jedoch zunächst auf der ikonografischen Ebene Hintergrundwissen über das Bild aufgeführt. Dazu gehören Themen, die für das Zeichnen des Bildes vorgegeben wurden oder von den Kindern selbst benannt werden, aber auch das Alter des Kindes und eine Beschreibung der Situation, in der das Bild entstanden ist. Wenn möglich soll benannt werden, was als erstes gezeichnet wurde. Alle Äußerungen, die Kinder zu ihren eigenen Bildern machen, sollen festgehalten werden.

Die reflektierende Interpretation von Kinderzeichnungen erfolgt in drei Schritten. In der reflektierenden Interpretation geht es um die Rekonstruktion der Formalstruktur: Zentral sind hier die perspektivische Projektion, die szenische Choreographie und die planimetrische Ganzheitsstruktur, die als erstes erfasst wird, indem planimetrische Linien gesucht und eingezeichnet werden, die das Bildganze in seiner Fläche strukturieren. Dabei geht es um reale und imaginäre Linien und schließlich um das, was sich auf diesen Linien befindet, was hier gezeichnet wurde.

In einem weiteren Schritt wird die perspektivische Projektion des Bildes ermittelt, wobei dieses nach Wopfner bei Kinderzeichnungen selten eindeutig gelingt, weil in der Regel in einer Zeichnung mehrere Perspektiven gleichzeitig auftauchen. Unterschiedliche Perspektiven verweisen jedoch auch auf unterschiedliche Bedeutungen. So können Details durch eine im Vergleich zu der Perspektive in der andere Bildelemente gezeichnet sind (Vogel- , Frosch-, Zentralperspektive) hervorgehoben werden. „Wesentlich in der Interpretation der Kinderzeichnungen ist, welche Person, welche sozialen Szenarien und/oder welche gestalterischen Details von den abbildenden Bildproduzent/innen fokussiert werden. Für die sich in Kinderzeichnungen zeigende Perspektivität bietet sich u.a. auch der Rückgriff auf kunsthistorische Analysen an.“ (Wopfner 2012, S. 8)

Für die Analyse der szenischen Choreographie werden die Figuren und Elemente eines Bildes in ihrem Verhältnis zueinander beschrieben, die „räumliche Position der abgebildeten Figuren und Gestalten, ihre Blicke und Gebärden zu- bzw. aufeinander…“ (Wopfner 2012, S. 10) Es geht also darum herauszuarbeiten, wie sich die einzelnen Elemente des Bildes zueinander verhalten, ob sie zum Beispiel Gruppen bilden bzw. sich Elemente gruppieren lassen? Ob es über Linien, Formen, Farben oder Positionen im Bild eine besondere Nähe zwischen einzelnen Elementen gibt oder aber eine besondere Distanz.

Im Folgenden zeigen wir ein Bild, das wir versucht haben formal nach Wopfner zu analysieren, wobei wir auch auf Grapheme und Hinweise, die Krenz bzgl. der kulturellen Bedeutung von Farben, Formen und Schraffuren gibt, zurückgegriffen haben:

 

Literatur

  • Krenz, Armin (2010): Was Kinderzeichnungen erzählen. Kinder in ihrer Bildsprache verstehen. 3. Auflage, Dortmund: verlag modernes lesen.
  • Wopfner, Gabriele (2012). Zwischen Kindheit und Jugend – ein sehender Blick auf Kinderzeichnungen. Online abrufbar unter: https://journal-fuerpsychologie.de/index.php/jfp/article/view/238

von Julia Heckler, Anna Berberich und Tabea Heinrich