Interpretation von Kinderzeichnungen nach Neuß

Dass Kinder zu Medienerlebnissen Bilder malen, ist nichts Neues. Spannend ist jedoch, dass laut einer Studie von Norbert Neuß, Kinder nicht einfach nachahmen, was ihnen über Mediengeschichten von deren Macher*innen versucht wird zu vermitteln, sondern Mediengeschichten bzw. Teile davon offensichtlich in ihren Zeichnungen aktiv mit Themen verknüpfen, die aus ganz anderen Erelbniszusammenhängen stammen. Entsprechend schreibt Georg Peez: „Im ästhetischen Verhalten und im Spielen findet eine handelnde Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit den Mitmenschen und sich selber statt.“ (Peez 2011, S. 54)

Norbert Neuß hat ausgehend von seiner Studie, für die er Kinder eingeladen hat zu Fernseherlebnissen zu zeichnen und zu malden, ein kommunikationsorientiertes Verfahren für die Analyse von Kinderzeichnungen entwickelt, das wir hier vorstellen wollen. Das Verfahren ergmöglicht nach Neuß ein Fremdverstehen, über das sich der Funktion und Reichweite einer Zeichnung angenähert werden kann. (Vgl. Neuß 2000, S. 1)

Schritt 1: Kinder einladen zu Medienerlebnissen zu zeichnen

> Nach Neuß sollte dies in einer vertrauten Umgebung und Sozialform stattfinden: z.B. im Kindergarten in Kleingruppen.

> Die Kinder sollten nicht verpflichtet werden zu malen und zu zeichnen, sondern dazu eingeladen werden und diese Einladung auch ablehnen können.

> Wer eine Kinderzeichnung in seiner Bedeutung für die Bearbeitung von (Medien-)Erlebnissen interpretieren und analysieren will, sollte nicht in den Mal- und Zeichenprozess eingreifen oder diese gar instruieren, sondern diesen nur beobachten.

Schritt 2: Postskriptum

> Die Beobachtungen, die während des Malprozesses gemacht werden, aber auch Informationen über das Kind (wie sein Alter, mögliche Themen, über die es vor und nach dem Malen spricht, oder die ihm seine Eltern oder auch pädagogische Fachkräfte zuschreiben…), sollten für die spätere Interpretation der Zeichnung notiert werden. Möglich ist es auch, während des Malprozesses eine Audioaufnahme zu machen, um Äußerungen der malenen Kinder festzuhalten.

Schritt 3: Interview

> Ist der Malprozesse beendet, sollten die Kinder nach Neuß zum Gespräch eingeladen werden. Dieses sollte halbstrukturiert sein, also offen genug, um dem Kind ausreichend Raum zu geben das zum Ausdruck zu bringen, was es selbst zu seiner Zeichnung erzählen möchte. Dabei sollte das Kind als Experte seiner eigenen Zeichnung erkannt und in seinen Erzählungen und Eigeninterpretationen nicht korrigiert und bewertet werden. Das Gespräch sollte auf Tonband aufgenommen werden, um auch Stimmlagen, Pausen etc. in die Interpretation mit einfließen lassen zu können.

> Für das Gespräch ist es nach Neuß bedeutsam, dass den Kindern, mit denen gesprochen wird, signalisiert wird, dass ihre (Medien-)Erlebnisse angenommen und nicht abgewertet werden.

> Die Fragen sollten einfach und klar formuliert werden.

> Um Suggestivfragen und eigene Vorinterpretationen sowie Bewertungen zu vermeiden, die das Kind in seinen Erzählungen hemmen oder diese lenken könnten, paraphrasiert Neuß im Gespräch über Bilder –  er wiederholt also das letzte Wort oder den letzten Satz, den ein Kind formuliert hat, um das Gespräch voranzutreiben.

Schritt 4: Transkription
> Die Audioaufnahme des Gesprächs wird transkribiert.

Schritt 5: biografisches Portrait erstellen

> Für die Interpretation der Zeichnung wird ein biografisches Portrait erstellt, in dem Informationen über das Kind von Betreuungs- und Erziehungspersonen einfließen.

Schritt 6: Text- und Bildhermeneutik des Einzelfalls

> Interpretiert wird die Zeichnung zunächst ausgehend von ihrem formalen Aufbau: Es wird detailliert beschrieben, wo was und wie im Bild platziert wurde, wie Figuren gemalt wurden – groß oder klein, wie sie zueinander stehen, sich zueinander verhalten, welche Farben, Schraffuren, Linien, Formen verwendet wurden…
> In die Rekonstruktion des (Medien-)erlebnissen fließt die bildbezogene Kommunikation – also das transkribierte und paraphrasierte Gespräch über das Bild – ein.

Schritt 7: Bild-Text-Bezug

> Neuß geht von einem wechselseitigen Auslegungsverhältnis von Text und Bild aus. Ziel ist es, sich gegenseitig stützende Informationen aus Bild und Text herauszuarbeiten.

Schritt 8: sozialwissenschaftliche Paraphrase & Interpretation

> Die aus Bild und Text bzw. dem Gespräch mit dem Kind herausgearbeiteten, sich gegenseitig stützenden Informationen werden eingeordnet; in die Interpretation fließen die von Eltern und pädagogischen Fachkräften erfragten Informationen über das Kind ein.

Schritt 9: Inhaltsanalyse der artikulierten Filmsequenz

> Der Medieninhalt, der von dem Kind in seiner Zeichnung und im Gespräch darüber von ihm angesprochen wird, wird beschrieben und interpretiert.

Schritt 10: Fallübergreifende Typisierung und Bewertung

> Für eine fallübergreifende Typisierung wird mit Blick auf das Erkenntnisinteresse nach Regelmäßigkeiten und Ordnungsmustern gesucht.

> Erkennbare Differenzen und Gemeinsamkeiten werden benannt und Fallbeispielen zugeordnet.

Die Ergebnisse des kommunikationsorientierten Interpretationsverfahren nach Neuß sind als Interpretation einzuordnen. Es ist nicht möglich das tatsächliche Erleben der Kinder über ihre Zeichnungen und Gespräche, die darüber mit ihnen geführt werden, zu rekonstruieren. Möglich ist nach Neuß aber eine Annäherung. Eine Interpretation darf nicht auf Werke von verschiedenen Kinder übertragen werden, sondern muss nach Neuß immer individuell aufs Neue durchgeführt werden. Wie die Kinder selbst, so sind auch ihre Werke immer situiert, also im Kontext ihrer Umwelt/Umgebung zu sehen.

Literaturverzeichnis

  • Neuß, Norbert (2000): Medienbezogene Kinderzeichnungen als Instrument der qualitativen Rezeptionsforschung. In: Ingrid Paus-Hasebrink (Hg.): Qualitative Kinder- und Jugendmedienforschung. Theorie und Methoden ; ein Arbeitsbuch. München: KoPäd-Verl., S. 131– 154. Online verfügbar unter https://www.dr-neuss.de/app/download/5785487915/KiMeFoPa.pdf, zuletzt geprüft am 26.06.2018.
  • Paus-Hasebrink, Ingrid (Hg.) (2000): Qualitative Kinder- und Jugendmedienforschung. Theorie und Methoden. München: KoPäd-Verl.
  • Peez, Georg (2011): Kinder kritzeln, zeichnen und malen – Warum eigentlich? Von der Welt- und Selbsterkundung. In: Forschung aktuell (2). Online verfügbar unter www.forschung-frankfurt.unifrankfurt.de/36050772/10Peez.pdf, zuletzt geprüft am 26.06.2018.

von Verena Wollensak, Julia Bodendorfer, Janina Weis und Beatrice Meier